Handspiel
Der Tag danach, Kommentar
Sie schauen einen an wie zwei neugierige Augen - die Linsen in der Mitte von Microsofts neuem Controller Kinect. Das Gerät für die Xbox 360 arbeitet mit einem System aus Kameras und Mikrofon. Die Augen erfassen Bewegungen des Spielers und übertragen sie ins Spiel. Klassische Eingabegeräte sind nicht mehr nötig. Ein ähnliches Konzept hat Hersteller Sony mit dem Kamerasystem Eyetoy für die Playstation 2 entwickelt. Doch Kinect soll dieses Prinzip, laut Microsoft, nicht nur kopieren, sondern perfektionieren.
Letztes Jahr stellt der Redmonder Konzern das Gerät erstmals unter dem Arbeitstitel Natal vor und heizt mit der Tech-Demo „Milo” Spekulationen an: Ein kleiner Junge auf dem Bildschirm reagiert hier scheinbar auf Gestik und Mimik des Spielenden. Vorwurfsvolle Blicke schüchtern ihn ein, ein Lächeln heitert ihn auf. Wirkliche Emotionen in einem Videospiel - Microsoft kündigt nicht mehr und nicht weniger an, als die Revolution der Videospiellandschaft. Die ruft zwar jeder zweite Hersteller in regelmäßigen Abständen aus, aber die Vehemenz, mit der Microsofts Kreativkopf Peter Molyneux die Vision vom emotionalen Spielen verkündet, geht darüber hinaus. An ihr muss sich der Hersteller messen lassen. Nach der offiziellen Vorstellung von Kinect auf der diesjährigen E3 macht sich jetzt erstmal Ernüchterung breit.
Der Name Kinect verweist auf Kinetik, also Bewegung. Aber auch auf Connect, also Verbindung. Ein Gerät, das durch Bewegung ein Wir-Gefühl erschafft. Kommt irgendwie bekannt vor? Nicht nur der Name verweist auf Nintendos Wii. Die Games, die Microsoft zum Kinect-Launch im November an den Markt bringt, könnten so auch auf der Wii erscheinen: ein Sporttitel, ein Fitnessspiel und ein „Star Wars“-Game. Auch die Ähnlichkeit der Xbox-Avatare mit Nintendos Miis war nie deutlicher als in einer Partie Kinect-Bowling. Die Killerapplikation, die den Kauf der kleinen schwarzen Leiste rechtfertigt, sucht man vergeblich. Das Zubehörteil kostet nach ersten Schätzungen mit 150 Dollar fast genausoviel wie die Xbox selbst. Wo ist ein Rollenspiel à la „Mass Effect”, das klassische Steuerung mit dem Controller in aller Komplexität bietet, aber die Gefühlsregungen des Spielers am Gesicht und nicht an der Eingabe abliest. Wo sind aufregende Neuheiten wie „Milo”? Wo sind die Spiele? Kinetic bietet nur Spielchen.
Dass die Hardware über die technischen Möglichkeiten für Gameplay-Experimente verfügt, ist nur eine Randnotiz der Messe. Sprachkommandos beim Bedienen von Filmen, eine luftige Blätter- und Wischtechnik, bei der man mit Gesten durch die Menüs manövriert. Die in Kinect integrierte Kamera erkennt laut Hersteller sogar das Gesicht des Spielers und meldet ihn im passenden Profil an. Einzig in der Bedienung der Grundfunktionen der Konsole mit Kinect wird das Potential des Controllers deutlich. Wenn sich aber niemand dieses Potentials kreativ annimmt, dann schauen die Augen von Kinect wohl ins Leere.
Das fünfte Lichtlein
Gesellschaft, Kommentar
Kurz vor Weihnachten 2004 passiert es: Menschen verschwinden. Erst unbemerkt im fernen Amerika, schließlich seit dem Frühjahr 2005 dann auch in Europa. Es trifft, Freunde und Verwandte, Mitbewohner und Kollegen. Manche sind bis heute nicht mehr aufgetaucht. Ein Muster ist nicht zu erkennen, denn auch jenseits klischeehafter Spielenerds setzt sich das Phänomen “World of Warcraft” durch. Durch - und fest. Denn was keiner gedacht hätte: Die Begeisterung bleibt. “WoW” ist keine Modeerscheinung, sondern wächst und gedeiht, erfindet sich neu und arbeitet sich an sich selbst ab. Genau wie die Millionen Figuren, die es bewohnen. Das Thema wird von den Medien wahrgenommen, gelobt, beschimpft und analysiert, denn eines ist nun Feinden und Freunden des Spiels klar: “WoW” ist eine feste Größe in der realen Welt geworden und hat eine ganze Branche umgekrempelt.
Als “World of Warcraft” vor fünf Jahren aus der Beta in den Laden kommt herrscht in vielen deutschen Städten der Ausnahmezustand. Per SMS verständigen sich Fans, wo noch Exemplare zu ergattern sind. Später dann sind alle Server verstopft. Die Anfängerzone geht vor einem Ansturm Kleinvieh kloppender Neucharaktere in die Knie. Server und Nervenkostüme brechen zusammen.
Fünf Jahre später hat “WoW” viele Millionen zahlender Spieler und eine eigene Southpark Folge. Alle neuen Entwicklungen in diesem Genre müssen an dem großen Blizzard Titel vorbei. Die meisten scheitern. Die Verschwundenen, jetzt Bewohner der Welt Azeroth, haben in der Zwischenzeit neue Freunde gefunden oder alte verloren. Sie haben Karriere gemacht oder das Studium versemmelt. Welches Computerspiel kann das schon von sich sagen?
Die GEE-Redaktion wünscht allen Allies und Hordlern ein großartiges Fest. Im Spiel und im wahren Leben.
Sie ist dann auch bald tot
Ersteindruck, Kommentar
Sechzig! Eine Zahl, die wohl das Ende eines Leitmediums vorwegnimmt. Der durchschnittliche „Tagesschau“-Zuschauer sei knapp 60 Jahre alt, sagt Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur des ARD- Nachrichten-Flagschiffs, nicht ohne eine Spur Resignation. Kann das erste Tagesschau-Videospiel vielleicht etwas daran ändern?
„Das große Tagesschau-Quiz“ für das Nintendo DS richtet sich laut Publisher dtp Entertainment an 35-65Jährige. Und angesichts der knapp 2000 Fragen aus den Bereichen Politik, Kultur, Sport und Zeitgeschichte ist das Zielgruppenalter auch keineswegs zu hoch angesetzt. Denn der knackige Schwierigkeitsgrad des Fragenkatalogs würde den durchschnittlichen ARD-Redakteur noch älter aussehen lassen als die Menschen daheim vor den Fernsehgeräten.
Den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Chomeini erkennen vielleicht sogar Zuschauer der RTL2-News. Aber welche Hilfsorganisation gewann denn bitteschön 1999 den Friedensnobelpreis? War das nicht Amnesty International? Nein?
Noch schwerer als diese Frage dürfte es nur sein, mit diesem Spiel eine junge Zielgruppe an die Tagesschau zu binden. Wenn Fragen zur Zeitgeschichte nur von promovierten Historikern beantwortet werden können, macht sich halt schnell Frust breit. Auch beim Tageschau-Bildungsadel. Andere wiederum könnten sich verschaukelt fühlen, weil die Antworten in kurzen Worten abgehandelt werden. Wissensvermittlung findet quasi nicht statt.
Dabei sei laut Dr. Gniffke „eine informierte Gesellschaft leistungsstärker.“ Dem wollen wir auch gar nicht widersprechen. Doch wird „Das große Tagesschau-Quiz“ zu künftigen gesellschaftlichen Leistungen wohl kaum etwas beitragen. Dann schon eher die vom Tagesschau-Chefredakteur angesprochenen Pläne, den Konsolenherstellern deutschsprachige Nachrichten für ihre Online-Netzwerke WiiWare, XBLA und das Playstation Network anbieten zu wollen. Denn „der Glaube, dass auch Gamer an seriösen News interessiert sind“, ist nicht nur bei der Tagesschau vorhanden, sondern auch bei uns.














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