Krieg der Knöpfe

Krieg der Knöpfe

Im Panzer- und Panzergrenadier-Simulatorenzentrum der Bundeswehr werden Soldaten mit virtuellen Szenarien auf den Ernstfall vorbereitet. Schneiden Videospieler dabei besser ab? Ein Besuch bei der Truppe Bald wird es Krieg geben in der Lüneburger Heide. Leopard-2- und Marder-Panzer werden dann die Kleinstadt Soltau heimsuchen, Straßenzüge belagern und Kreuzungen sichern. Sobald jemand auch nur ein Fenster öffnet oder im Auto um die Ecke biegt, wird er ins Fadenkreuz der Soldaten geraten. Ist das Ziel rot markiert, wird scharf geschossen, blaue Einheiten sind Freunde. Zum Glück werden die Bewohner von den Gefechten vor ihrer Haustür nichts mitbekommen, denn der Krieg findet lediglich am Computer statt – in der Panzertruppenschule im nahen Munster. Dort befindet sich das größte Panzer- und Panzergrenadier-Simulatorenzentrum Deutschlands, und dort steckt Hauptmann Jens Schetelich gerade vorsichtig seinen Kopf durch die Luke eines stählernen Geschützturms. Mit einem Joystick ändert er seine Blickrichtung, drei Beamer projizieren das virtuelle Kampfgeschehen um ihn herum auf eine Leinwand. Per Knopfdruck sitzt er dann von seinem Marder-Schützenpanzer ab und bewegt sich zu Fuß fort, eine Space-Explorer-Maus überträgt alle Bewegungen des Hauptmanns in das simulierte Kriegsgebiet. 3500 Feldwebel und Offiziere werden in Munster jährlich auf ihre Einsätze in der Welt vorbereitet – und der Kampf um den staatlich anerkannten Erholungsort Soltau ist ein Teil ihrer Ausbildung. „Mittlerweile sind wir gezwungen, in kleinere Städte wie Kundus oder Kabul reinzugehen“, sagt der 32-jährige Betriebsoffizier im nüchternen Soldatenton, „wir brauchen also ein Gelände, in dem wir Kämpfe in urbanem Umfeld üben können.“ Soltau ist sein Kabul. Für die taktische Erziehung und Schießausbildung der Sol---- daten verfügt das Heer in Munster über neun Simulationssysteme, mit denen der Schützenpanzer Marder, der Kampfpanzer Leopard 2 und zahlreiche Handwaffen simuliert werden können. Geht es in den Gefechtssimulatoren hauptsächlich um das Zusammenspiel der Besatzung und das Kampfverhalten mehrerer im Verbund agierender Panzer, steht bei den Schießsimulatoren das Aufspüren und Eliminieren von Gegnern im Vordergrund. Für Videospieler wirkt das bisweilen wie ein Echtzeitstrategiespiel mit Top-Down-Ansicht: Die Ausbilder überblicken das Geschehen mittels einer zweidimensionalen Karte, die an die ersten Teile von „Command & Conquer“ erinnert. Auf weiteren Monitoren können sie fliegende Kameras über ihren Soldaten auf dem virtuellen Spielbrett positionieren oder sogar in die Egoperspektive des Soldaten schalten, um dessen Verhalten in Kampfsituationen zu beobachten. In einem echten Wald- und-Wiesen-Manöver wäre so etwas nicht möglich. Noch befindet sich allerdings ein Großteil der Simulatoren auf dem technischen Stand von 1993 – die Szenarien wirken wie eine frühe Version von „Hidden And Dangerous“. Ersatzteile gibt es kaum noch, selbst auf dem Ebay-Flohmarkt muss-te man schon nach Ersatz für defekte Komponenten suchen. Derzeit werden die Geräte Schritt für Schritt mit modernen Prozessoren und Grafikkarten aufgerüstet, bis sie schließlich im kommenden März auf einem zeitgemäßen Stand sein sollen. Bis zu sieben Millionen Euro kosten die Simulatoren – pro Stück. Das heißt aber nicht, dass das Heer mit dem vorhandenen Gerät nicht üben kann: „Jüngere Soldaten, die gerne Videospiele spielen, finden die jetzige Grafik zwar ein bisschen altbacken“, sagt Major Klaus-Peter Bredehöft, der Leiter des Simulatorenzentrums, „aber wir sagen denen dann immer: Das hier ist eben kein Computerspiel.“ Als müsste er das extra betonen. Die dumpfen Einschläge der Granaten auf dem nahe gelegenen Truppenübungsplatz sind selbst im Stahlcontainer des Kampfpanzer-Simulators noch tief in der Magengrube zu spüren. Genau so real sollen sich auch die Simulationen anfühlen. Die Kabinen der Panzer sind klaustrophobisch eng, und wie in einem echten Panzer gibt es nur drei kleine Winkelspiegel, die dem Fahrer einen Blick auf die Außenwelt ermöglichen. Alle Bedienelemente sind originalgetreu nachgebildet, einzig auf hydraulische Bewegungen musste die Bundeswehr aus Kostengründen verzichten. Was ebenso fehlt, sind unangenehme Begleiterscheinungen: „Im Sommer ist es in einem Panzer bis zu 80 Grad heiß. Der Motor bollert, und da sind neun Mann, die alle ein bisschen streng riechen“, sagt Major Bredehöft – „außerdem ist es ein Unterschied, ob es in der Simulation regnet oder ob ich sechs Stunden auf dem Marder stehe und mir kaltes Wasser langsam den Nacken runterläuft.“ Dennoch: „Die Soldaten in den Ausbildungskabinen nehmen die Situation recht schnell als echt wahr“, sagt der 37-Jährige, „wir kriegen das hier in den Funkgesprächen mit: Spätestens wenn Feindkontakt herrscht, entsteht bei der Besatzung Stress. Sie wollen nicht sterben, auch virtuell nicht.“ Kontinuierlich versuchen die Ausbilder, die Männer an ihre Leistungsgrenzen zu bringen. Sie lassen sie bis zu 16 Stun-den in den Panzercontainern sitzen, die nur von einer winzigen Lampe beleuchtet werden. Sie verbessern die taktischen Fähigkeiten und die Treffergenauigkeit der feindlichen Kräfte oder platzieren per Drag & Drop weitere Gegner auf dem virtuellen Kampffeld. Je nach Simulator sind mehr als 180 Übungen vorgefertigt, die Szenarien in den Gefechtssimulatoren können während des Kampfes laufend angepasst werden. Außerdem soll die Bundeswehr in Zukunft bis zu fünf für potenzielle Einsätze maßgeschneiderte Datenbasen erstellen können. Satellitenbilder, GPS-Koordinaten und Höhenmeter sind für fast alle Konfliktregionen vorhanden, einzig der Iran ist aufgrund fehlender Daten schwierig nachzubauen. Geplant ist als nächstes eine Geländedatenbasis „Wüste“, die topografisch an Afghanistan erinnert. Geschossen wird übrigens fast ausschließlich auf Fahrzeuge des Warschauer Pakts. Hauptmann Andreas Ritter, der Be-triebsoffizier für die Kampfpanzer-Simulatoren, erklärt die Wahl des virtuellen Feindes damit, dass ein Krieg unter verbündeten Nato-Partnern sehr unwahrscheinlich sei und man deswegen wohl auch nicht auf deren Waffensysteme treffen werde. „Wir orientieren uns daran, welche Waffen bei aktuellen Konflikten genutzt werden“, sagt er, „und das sind meist welche aus Russland oder den ehemaligen Satellitenstaaten.“ Neben sowjetischen Kampfpanzern wie dem T-80 sollen zu-künftig bis zu 300 verschiedene „Kräfte“ simuliert werden: von Gefechtsfahrzeugen wie Brückenlege- und Minenräumpanzern bis zu Kampfjets. Auch Zivilisten werden dann auf den Bildschirmen auftauchen: eine Mutter mit ihrem Kind an der Hand etwa, Fußgänger, die eine Waffe unter dem Pulli versteckt haben könnten, oder sich verdächtig verhaltende Lastwagen. „Wenn ich mit meinem Kampfpanzer am Checkpoint stehe und ein Pick-up durchbricht die Absperrungen, muss ich schnell entscheiden, ob ich schieße oder nicht“, sagt Andreas Ritter – „schieße ich vor ihn, schieße ich zur Seite oder streue mit dem MG durch das Fahrzeug? Mache ich es nicht, hat er vielleicht eine Bombe an Bord und sprengt uns in die Luft. Mache ich es, ist es wiederum vielleicht ein Zivilist, der lediglich Panik bekommen hat.“ Im AGSHP, dem „Ausbildungsgerät Schießsimulator Handwaffen/Panzerabwehrhandwaffen“, feuern die Männer bereits in der Grundausbildung mit echten Waffen auf virtuelle Menschen. Trainiert wird der sichere Umgang mit Pistolen, Sturmgewehren oder Panzerfäusten, das Einschätzen von Entfernungen und wie man einen Gegner effizient ausschaltet. Bis zu vier Soldaten liegen geschützt hinter Sandsäcken oder hocken geduckt unter nachgebauten Mauervorsprüngen. Sie zielen auf alles, was sich bewegt. Ein Laser simuliert ihre Munition, Druckluft erzeugt den Rückstoß, Sensoren zeichnen das Nachschussverhalten, den Anpressdruck an der Schulter oder die Verkantung der Waffe auf. Die Soldaten trainieren anhand von Missionen, die wie Level aus Videospielen heißen: „Sabotage am Shelter“, „Kampf von Haus zu Haus“ oder „Streife Kabul“. Jeder Schuss wirbelt virtuellen Staub auf, die Feinde nebeln sich ein, sie werfen Granaten und schießen zurück. Wenn der Auszubildende einen Gegner übersieht oder dieser gar die eigene Stellung erreicht, wird die Übung abgebrochen: Der Soldat ist tot. Videospieler sind dabei laut Bredehöft im Vorteil: „Wir stellen fest, dass Leute, die regelmäßig spielen, wirklich besser sind, was ihre visuelle Wahrnehmung und die Motorik angeht“, sagt er. Im Laufe der Modernisierung geht die Bundeswehr deshalb sogar so weit, die Steuerung der Panzergrenadiere durch einen Nummernblock zu ersetzen – statt per Space- Explorer-Maus bewegen sich die Soldaten im virtuellen Gelände dann mit den Tasten W, A, S und D fort – ähnlich also wie in vielen herkömmlichen Computerspielen. Stabsunteroffizier Christian Hoffmann würde am Simulator dennoch nie so herumrennen wie in einem Egoshooter. „Wenn ich da drinnen sitze, denke ich ‚Bloß nichts falsch machen‘. Sonst gibt es Ärger mit dem Kommandanten oder dem Ausbilder“, sagt der 25-jährige und grinst. Neben der Zufriedenheit seiner Vorgesetzten zählt für ihn aber auch seine Abschussquote: „War vorher ein Kamerad im Simulator, der viele Panzer abgeschossen hat, will ich natürlich besser sein.“ Trotzdem gibt es, zumindest offiziell, keine High-scoreliste unter den Soldaten: „Auch wenn es wie ein hoch entwickeltes Videospiel wirkt und wirklich Spaß macht, soll es ja kein Spiel sein“, sagt Hoffmann, der sich freiwillig für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet hat – „es ist zu jedem Zeitpunkt eine Vorbereitung auf reale Situationen.“ Sollte es für ihn persönlich zum Ernstfall kommen, hat der angehende Feldwebel keine Angst, das Gelernte einzusetzen: „Sonst müsste ich das alles nicht immer wieder in den Simulatoren üben“, sagt er, und: „Dafür habe ich hier doch unterschrieben.“ Dass die Systeme Hemmungen abbauen, auf Menschen zu schießen, verneint sein Kamerad Martin Christiani, 27: „Ich bin das alles ja bereits von Videospielen gewöhnt“, sagt er, „dass einer in dem Panzer drinnen sitzt, habe ich in dem Augenblick, in dem es wirklich darauf ankommt, komplett ausgeschaltet.“ Trotz all des Trainings jedoch wird selbst das komplexeste High-Tech-System niemals den scharfen Schuss ersetzen können. „Keiner wird auf die Idee kommen, dass er in der Lage ist, einen Feuerkampf gut zu führen, nur weil er den Simulator bedienen kann“, sagt Major Bredehöft, „am Ende müssen wir immer raus auf das Großgerät.“ Ein bisschen Krieg ist in Soltau also immer – auch wenn er sich nicht so echt anfühlt wie für die Menschen in Kabul.
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von Chris Rotllan / Oktober 2nd, 2009 /

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