Automatisch

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Als Sony vor ein paar Wochen verkündete, dass auch "Gran Turismo 4" keine Online-Funktion erhalten würde, waren die Fans auf der ganzen Welt entsetzt. Dabei spielen die wahren "GT"-Aficionados schon lange online. Wir haben einen von ihnen getroffen

„Heute allein schon wieder 180 Kilometer auf der Uhr“, sagt Percy zur Begrüßung. Es ist elf Uhr morgens, ein grauer Januartag, es nieselt. Kein gutes Autofahrwetter eigentlich. Genau das richtige für Percy. Bis zum Abend wird er noch weitere 300 Kilometer abspulen. 500 Kilometer, das ist sein Tagesschnitt. Einmal Hamburg–Berlin und zurück. Allerdings bringt er die Strecke nicht in einem Autositz hinter sich, sondern im Sessel vor dem Fernseher. Und vor seinen Augen erstreckt sich nicht das unendlich öde Band bundesdeutscher Autobahnen, sondern die gewundene, fünf Kilometer lange Strecke des Grand Valley Speedway vor malerischer Kulisse. Seit zehn Tagen dreht er eine Runde nach der anderen, feilt an der Ideallinie, dem optimalen Fahrzeug-Setup, der ultimativen Zeit. Percy Neumann ist „Gran Turismo“-Fan. Besser gesagt: -Freak. Einer der wenigen Menschen, die wirklich wissen, warum das Spiel den Zusatz „The Real Driving Simulator“ im offiziellen Namen trägt. Früher war Percy auch im echten Leben schnell unterwegs. Er hatte einen Lupo GTI, eine echte Rennsemmel, einen alten BMW 635 CSI, den er noch heute liebevoll „Beamer“ nennt, und eine Suzuki TL 1000 R. Eine Rennmaschine für die Straße mit 147 PS. Die Percy mit seinen gerade mal 65 Kilo Gewicht in Windeseile der 300- km/h-Marke entgegenpeitschten. „Wenn du schnell fährst, dann vergisst du alles andere. Deine Sorgen, deine Nöte, deine Probleme“, sagt Percy. Heute ist Percy nur noch die Playstation zum Schnellfahren geblieben, die beiden Autos und das Motorrad sind verkauft. Denn Percy leidet seit seiner Geburt an der Stoffwechselkrankheit Mucoviscidose, die ihm unerbittlich die Lungen mit einem zähen, weißen Schleim verstopft. 18 Jahre Lebenserwartung hatten ihm die Ärtzte gegeben. Vor drei Jahren, er war gerade 33, konnte er dann endgültig nicht mehr arbeiten, wurde Frührentner. Die Autos und das Motorrad mussten weg. „Das hat schon weh getan“, sagt Percy, „aber du kannst nichts machen. Dafür kann ich mich jetzt ,Gran Turismo‘ umso intensiver widmen.“ Percy, Nickname Speedmaster68, ist seit Mai 2004 Mitglied des deutschen „Gran Turismo“-Forums www. granturismo.de. Dort versammelt sich die Elite der deutschen GT-Aficionados, fast 6000 Mitglieder zählt das Forum aktuell. Es gibt Diskussionen über das gerade in Japan erschienene „Gran Turismo 4“, optimale Fahrzeug-Setups oder darüber, wie man mit einem Straßenwagen an der Schallmauer kratzen kann. Und es gibt Online-Rennserien. Denn den eingefleischten Fans der Serie ist es herzlich egal, dass Sony die endlich für den vierten Teil angekündigte Online-Unterstützung mal wieder gekippt hat. Sie treten schon lange online gegeneinander an. Zwar nicht ganz so, wie Hersteller Sony sich das eigentlich vorgestellt hatte für sein bestes Rennpferd im Stall, nämlich live und online, Mann gegen Mann auf einer Strecke, aber spannend ist es trotzdem. Jeder, der will, kann im Forum eine Rennserie ausrufen. Er bestimmt die Kombinationen aus Rennkursen und Fahrzeugen, mit denen gefahren wird, und ob diese getuned werden dürfen oder nicht. Wer mitmachen will, trägt sich in die Teilnehmerliste ein und hat bis zur festgesetzten Deadline Zeit, an seiner Bestzeit zu feilen. Spätestens am Stichtag muss eine Rundenzeit abgegeben werden, wer will, kann seine Zwischenergebnisse aber auch schon vorher posten. Gerade läuft das zweite Rennen von 14 Rennen einer Serie. „Mike R32“ hat sie ins Leben gerufen, seine Signatur zeigt den berüchtigten Rallye-Audi-Quattro mit 1000 PS. Viele Mitglieder präsentieren in ihren Signaturen entweder ihre Traumautos oder den aktuellen Stand auf dem Weg dahin. In Percys Signatur sieht man seinen tornadoroten Lupo GTI. „Bis jetzt liege ich im aktuellen Rennen im Mittelfeld. 1:35.824 Minuten ist meine Bestzeit, zehn Tage läuft das Rennen schon, vier Tage habe ich noch.“ Vor zwei Tagen hat Mitglied „Phino“ seine Zeit gepostet. Phino hat kein Auto in seiner Signatur, sondern ein Foto von einem Jungsgesicht. Er ist 15, geht in die zehnte Klasse, von einem Auto kann er nur träumen. „Was für eine Monsterschleuder“, steht in seinem Beitrag und meint den Mazda RX7 LM Race Car, den vorgeschriebenen Wagen für dieses Rennen. Und noch etwas: „1:31.696 nach dem fünften Versuch“. Percy setzt sich wieder ans Pad und trainiert weiter. Runde um Runde, auf einem leeren Kurs, denn Gegner auf der Strecke würden nur stören. Konzentriert arbeitet er an seiner Linie, an den Bremspunkten, daran, möglichst sauber aus den Kurven herauszukommen. Das Prinzip der Online-Wettkämpfe funktioniert vor allem über das gegenseitige Vertrauen der Teilnehmer, eine offizielle Organisation vonseiten Sonys gibt es nicht. Neulinge werden erst einmal kritisch beäugt, vor allem, wenn sie mit Fabelzeiten aufwarten. In solchen Fällen wird kontrolliert. Dann muss der Teilnehmer sein Replay-Video an einen der Systemadministratoren des Forums beziehungsweise den Ausrichter der Serie schicken. Der sichtet das Replay auf eventuelle Verstöße gegen die OLR(On-Line-Race)-Regeln. Bei allzu obskuren Rundenzeiten und Verdacht auf Betrug kann er außerdem mit einem speziellen Programmm am PC die Datei auslesen. Dann sieht er noch viel mehr als nur das Replay-Video auf der PS2. Sämtliche Fahrzeugdaten, also Tuningteile und Setup sind an das Video angehängt, unerlaubte Manipulationen am Fahrzeug sofort sichtbar. Doch Betrug ist selten, Stichproben meist ergebnislos. Ein Aspekt ist bei dem Behelfs-Online-Modus besonders interessant: Durch die strengen Regeln sind die Teilnehmer der OLR-Rennen viel dichter dran an den Gesetzen eines echten Rennens. Wer von der Strecke abkommt, ist raus. Wer in die Bande rauscht auch. So eine Realitätsnähe bietet bis jetzt keins der voll online-fähigen Spiele. Für Percy kommt Betrug eh nicht in Frage. Klar, auch er hat schon mal mit dem PC-Programm „Garage-Editor“ einen Chevy Camaro auf über 3000 PS Leistung geklickt und dem Wagen eine Bodenhaftung verpasst, von der Firmen wie Pattex nur träumen können. Doch das ist Spielerei abseits der Strecke, für seine Rennen setzt er auf eine andere Strategie. Während der ganz normale User die Tuningmöglichkeiten des Spiels höchstens dazu nutzt, die Leistung seines Wagens durch Anbauteile zu erhöhen, ist Percy voll abgetaucht in die Welt von Federraten, Dämpferabstimmung, Flügeleinstellung und Getriebeabstufung. Bei vierhundert gefahrenen Kilometern schaltet er plötzlich die Konsole aus. „ab jetzt verliert der Motor an Leistung, das geht auf die Rundenzeit“, sagt er. Nach dem Neustart steht der Kilometerzähler wieder auf 179, seinem letzten Speicherstand. „In den Rennmotoren wird ein Hochleistungsöl verwendet. Ab ungefähr 400 gefahrenen Kilometern geht die PS-Zahl in den Keller, ab circa 750 Kilometern stagniert sie dann bei circa 60 PS unter Anfangsniveau, je nach Ausgangsleistung des Wagens. 60 PS sind bei diesem Wagen ungefähr eine halbe Sekunde pro Runde. Da hilft leider auch kein Ölwechsel mehr, da hilft nur ein Reset“. Was für den „Gran Turismo“-Touristen eine neue Erkenntnis ist, gehört bei den Mitgliedern von granturismo.de längst zum Allgemein- und für Percy sogar schon zum Trivialwissen. Er befindet sich in einer Sphäre, in die ihm selbst seine Fahrerkollegen manchmal nicht mehr folgen können. Nach wochenlanger Tüftelei fand er im Herbst 2004 eine Formel heraus, mit deren Hilfe man bei der Abstufung des Getriebes anhand der Übersetzung die jeweilige Endgeschwindigkeit jedes einzelnen Ganges berechnen kann. Hört sich kompliziert an, ist es auch. Entsprechend war das Echo im Forum: „Muss man halt mal ausprobieren“ oder „ganz schön viel Rechnerei“ waren die eher müden Kommentare. Percy winkt ab. „Da kann man nichts machen. Viele Leute wollen sich gar nicht so intensiv mit den Autos beschäftigen, und den Möglichkeiten, die ihnen das Spiel gibt. Die setzen sich am liebsten in einen der Arcade-Wagen, in denen alle Einstellungen vorgegeben sind.“ Ein Angang, dem er überhaupt nichts abgewinnen kann. Lieber verbringt er eine ganze Woche damit, die optimale Abstufung für ein Getriebe herauszufinden. Jagt seinen Wagen immer wieder über die schnurgerade Teststrecke, trägt die gefahrenen Zeiten akribisch in eine Tabelle ein, so lange, bis er das Maximum aus der Schalteinheit herausgeholt hat. Oder probiert tagelang an den Fahrwerkseinstellungen herum, bis das Handling des Wagens auf seinen Fahrstil passt. Für die meisten Fahrzeuge in seiner Garage hat er diverse Exel-Tabellen angelegt, in die er jede Änderung an den Fahrzeugparametern einträgt. Für eine derartige Hingabe haben die meisten anderen Mitglieder einfach keine Zeit. Die einen gehen arbeiten, die anderen zur Schule. Oder sie haben Kinder, so wie Mitglied „Comrade“, der ein paar Wochen lang stolz seinen Nachwuchs in seinem Signaturbild präsentierte. So verschieben sich dann schon mal die Prioritäten. Zusammen mit der frohen Botschaft an seine Mitstreiter gab es dann auch einen Hinweis: Er werde sich in nächster Zeit wohl erst mal anderen Dingen widmen müssen. Eine Tatsache, für die Percy sogar Verständnis hat, schließlich liegt Kamerad „Comrade“ trotz eingeschränkten Trainingszeiten immer noch in der Spitzengruppe des aktuellen Rennens. Und gegen Talent ist nur ein Kraut gewachsen: harte Arbeit. Deswegen überlässt Percy auch in Sachen Hardware nichts dem Zufall. Erst vor kurzem hat er einen Prototypen für ein Dual-Shock-Pad produziert. Die etwas kurz geratenen Analog-Sticks des Controllers ließ er von einem Feinmechaniker durch zwei längere Messing-Sticks ersetzen. Jetzt sieht der Playstation-Controller ein bisschen aus wie die Funkfernsteuerung für RC-Cars, garantiert dafür aber feinfühlige Dosierung von Gas, Bremse und Lenkbewegungen – bei Leistungen um die 1000 PS ein nicht zu unterschätzender Faktor. Doch leider schützen all diese Maßnahmen Percy nicht davor, vier bis fünf Sekunden hinter seinen Konkurrenten zu liegen. Bei Rennen, wo Tuningeinsatz gefordert ist, kann er sich zwar oftmals weiter vorarbeiten, aber für die Spitzengruppe reicht es selten. Besonders frustrierend muss es neulich gewesen sein. Da hatte Percy sein in mühseliger Kleinstarbeit ausgetüfteltes und auf seinen Fahrstil zugeschnittenes Setup ins Forum gepostet, um es von anderen Teilnehmern testen zu lassen. Das ist im Forum gang und gäbe. Wer das Gefühl hat, Setup-mäßig auf der Stelle zu treten, holt sich ein Feedback von Kollegen. Zwei Tage später erhält er die Nachricht, dass einer seiner Konkurrenten auf Anhieb zwei Sekunden schneller war als er. „Tja, das ist dann schon bitter“, sagt Percy leise „wenn du dich fragen musst: Bin ich am Limit? Kann ich vielleicht einfach nicht schneller?“ Vor kurzem hatte Percy Besuch von zweien seiner Mitstreiter, „Black Dragon“ und „dodo1987“. Dodo1987 ist erst 17 Jahre alt und hat noch gar keinen Führerschein. Geschweige denn eine Ahnung davon, was Reifenhaftwert in der Praxis bedeutet. Trotzdem nahm er Percy pro Runde mehrere Sekunden ab. Doch für Resignation hat Percy nichts übrig. „Nein, frustrieren tut mich das nicht, wenn einer schneller fährt als ich. Das ist Sportsgeist, das kann ich problemlos akzeptieren. Dann muss ich eben noch mehr an meinem Auto herumprobieren, um die Zeit wieder reinzuholen.“ Oder in neue Hardware investieren. Denn seit dem besagten Treffen, bei dem auch die Gründung einer Hamburger Forums-Sektion diskutiert wurde, hat Percy nur noch eins im Kopf: Ein Speedmaster-Pro-Lenkrad von Logitech, so wie es „dodo 1987“ zum Testen mitgebracht hatte. „Damit bin ich auf jeden Fall schneller“, grinst Percy. Zurzeit hat Percy eh ganz andere Sorgen. „Gran Turismo 4!“, schnaubt er verächtlich. Denn seit der vierte Teil der Serie in Japan erschienen ist, hat sich bei den meisten seiner Forumskollegen der Schlendrian breitgemacht. Statt weiterhin an den Bestzeiten für die laufende „Gran Turismo 3“-Rennserie zu feilen, drehen sie lieber ihre Runden in „Gran Turismo 4“. Gerade erst vor wenigen Tagen hat „Mike R32“ angekündigt, dass er sich jetzt erst mal seinem gerade eingetroffenen „Gran Turismo 4“ widmen wolle und wohl weniger Zeit für seine Rennen habe. „Dem habe ich gleich eine Mail geschickt“, erzürnt sich Percy, „so geht’s schließlich nicht. Außerdem ist das doch eh Schwachsinn. Wenn in drei Monaten die deutsche Version erscheint, können sie alle Lizenzen noch mal machen, müssen sich alle Autos und Preisgelder wieder aufs Neue erfahren.“ Eine unerhörte Ressourcenverschwendung, von seiner Warte aus gesehen. Denn der japanische Spielstand wird mit der deutschen Version, die später erscheint, nicht kompatibel sein. „Abgesehen mal davon, dass ich eh nicht verstehen kann, was die Leute wollen. In ,Gran Turismo 3‘ gibt es 178 Autos und 36 Strecken. Das ergibt 6408 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten. Das ist doch genug für die nächsten Jahre, oder?“ Doch natürlich muss auch Percy sich der Tatsache stellen, dass spätestens im März eine neue Zeitrechnung in seinem Forum beginnen wird. Und auch er freut sich riesig auf „Gran Turismo 4“. Doch was passiert dann mit seinen Berechnungen? Werden sie auch für die neuen Autos zutreffen? Die in wochenlangen Trainingssessions ausprobierten Setups auch auf die neue Wagen passen? Was ist, wenn die jahrelange Arbeit, die zig Seiten von Tabellen, die mühsam angeeigneten Erfahrungswerte auf einmal wertlos sind? Percy zuckt mit den Schultern. Ein kleines, kaum merkliches Lächeln der Vorfreude huscht über sein Gesicht. „Dann geht es eben wieder alles von vorne los“, sagt er und drückt der Reset-Knopf der Konsole. Text: Michail Hengstenberg, Fotos: Benne Ochs
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von Volker Hansch / Februar 10th, 2005 /

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